Helen Müri

Die kleine Wildnis

Haupt-Verlag, Bern 2015,

225 Seiten, viele Bilder, Zeichnungen, Grafiken,

36.–

Dies ist ein Jagdbuch der besonderen Art, es spielt sozusagen im Erdgeschoss des Reviers. Der Untertitel lautet «Einblicke in die Lebensgemeinschaft der kleinen Raubsäuger und ihrer Beutetiere in Mitteleuropa». Die Jäger sind also Hermelin und Co. und die Beute Mäuse und Co. All dies geschieht in der Regel unterhalb unserer Wahrnehmungsebene. Wir sehen wohl einmal einen Marder, ein Hermelin, Mäuse, Amphibien, Vögel usw., aber das Beziehungsgeflecht der Akteure können wir nicht erkennen.

Dieses Beziehungsgeflecht hat die Autorin in den Mittelpunkt ihres Buches gestellt und da die einzelnen Akteure uns durchaus bekannt sind und sich alles vor unserer Haustür abspielt, ist es wirklich spannend zu lesen.

Das Buch beginnt mit den Worten: Wildnis pur – das gibt es direkt vor unserer Haustür.»

Diese Aussage wird dann im Buch mit immer neuen, auch überraschenden Fakten untermauert. Dabei stellt die Autorin auch manches anders dar. So ersetzt sie z.B. die bekannte Nahrungspyramide vom Bodenlebewesen zum Raubsäuger durch ein Beziehungsgeflecht, wo man gut erkennen kann, dass der Fuchs eben nicht nur Mäuse, sondern auch Wirbellose und Früchte frisst.

Die Lebensgemeinschaften und ihre Vernetzungen sind das Hauptanliegen der Autorin und diese schildert sie sehr spannend und informativ, manche lesen sich wie ein Krimi. Dabei stellt sie auch kritische Fragen, wie z. B. zur bisherigen Naturschutzpraxis, dem Schutz einzelner Arten und Biotope. Sie wirbt für eine Gesamtsicht der Lebensgemeinschaften und zieht manchen anderen Schluss, z.B. statt Schutz eine andere Nutzung.

In Ihrem Buch schildert die Autorin anschaulich, wie die Veränderung einzelner Arten, z.B. Zu- oder Abnahme, Auswirkungen auf das gesamte Beziehungsgeflecht hat, die oft unvorhersehbar sind. Hier schreibt sie auch über die Rolle des Menschen in der Lebensgemeinschaft, der wir angehören, ob wir wollen oder nicht. Wenn sie über Rückkoppelungen schreibt, klingt auch leise die Frage an, welche Rückkoppelungen menschliche Aktivitäten auf uns Menschen haben oder haben werden.

Ich habe den Anfangssatz des Buches zitiert und will nun auch den letzten Satz zitieren:

«Da müssen wir uns wohl ganz grundsätzlich mit der Frage befassen, in wie weit der Mensch als Mitglied der Lebensgemeinschaft gleichen Basisgesetzen unterworfen ist wie die Tiere, oder ob in gewissen Fällen die kulturellen Errungenschaften des Menschen solche Gesetze ausser Kraft setzen können».

Das Buch ist in meinen Augen viel mehr, als ein Fachbuch über Raubsäuger, sondern ein Ansporn, die Augen für die kleinen und die komplexen Dinge des natürlichen Lebens zu öffnen. Ausserdem enthält es viele tolle Bilder von den kleinen, oft wenig sichtbaren Tieren. Ich kann es wirklich sehr empfehlen.

OB Jürgen Rosemund

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