Jagen wollen wir… bewusst und verantwortungsvoll gegenüber Wildtier und Gesellschaft.

Vor kurzem sagte ein Bundesparlamentarier und Jäger bei einem Fernsehen-Interview: „Ich will kein Wildtiermanager sein, ich bin und bleibe Jäger, ich will Freude haben am Jagen und nicht Schädlingsbekämpfer für die Förster und die Bauern sein…“. Ja, einverstanden. Und doch, können sich Jäger dem Wildtiermanagement entsagen? Nein, meine ich, denn das Jagen ist ein Handwerk, das seit jeher ein wichtiger Bestandteil dessen darstellt, was heute mit dem modernen Begriff „Wildtiermanagement“ bezeichnet wird.

Was aber umfasst denn nun Wildtiermanagement? Es ist gemäss dem Lehrbuch der konzeptionelle und operative Umgang mit Wildtieren und ihren Lebensräumen. Dabei sind sowohl die Bedürfnisse der Wildtiere als auch die Ansprüche menschlicher Nutzer zu berücksichtigen. Anders ausgedrückt bezeichnet Wildtiermanagement einen Steuerungsprozess zum Lösen von Aufgaben und Problemen mit Bezug zu Wildtieren und ihren Lebensräumen. In diesem Steuerungsprozess sind die Zusammenarbeit mit Vertretern der Behörden und Verbände der Bereiche Wald- und Landwirtschaft, Jagd, Naturschutz sowie die Einbeziehung weiterer betroffener Kreise unabdingbar. Wildtiermanagement bewegt sich im Überschneidungsbereich von Ökologie, Naturschutzbiologie sowie wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interessen. Wildtierfragen sind zudem meist in einem räumlichen Kontext eingebunden. Deshalb ist Wildtiermanagement sehr oft auch Landschaftsmanagement, d.h. die Ansprüche der Wildtiere müssen bei raumrelevanten Entscheiden berücksichtigt werden. Im Gegensatz zur Wildtierökologie oder Wildtierbiologie ist das Wildtiermanagement keine wissenschaftliche Einzeldisziplin, sondern ein Anwendungsbereich, der sich für die Lösung praktischer Fragestellungen im Umgang mit Wildtieren auf wissenschaftliche Grundlagen stützt.

 Der Umgang mit Wildtieren hat sich dabei während unserer Entwicklungsgeschichte verändert. In längst vergangenen Zeiten war die Zahl der Menschen klein. Ihr Einfluss als Jäger und Bauer reihte sich ein in das ökologische Netz und war über lange Zeiträume kaum relevant. Allmählich wuchsen aber die Populationen des Menschen an, und damit einher ging ein immer stärkerer Druck auf die Wildtiere. Viele grössere Arten wie Riesenhirsch, Wildpferd oder Auerochs wurden regional oder global ausgerottet. Im Lauf der Zeit perfektionierte der Mensch die Viehzucht und den Ackerbau. Dadurch koppelte er seine Versorgung mit tierischem Protein von Wildtieren weitgehend ab. In der Folge wuchsen die menschlichen Populationen rasant. Mit ihnen wuchs der Raum- und Ressourcenbedarf für Land- und Waldwirtschaft, für Wohn-, Industrie- und Verkehrsinfrastruktur. Das Gesicht der Erde veränderte sich in nahezu allen Belangen. Viele Arten verloren unter dem Einfluss des Menschen ihren Lebensraum teilweise oder ganz, starben aus oder wurden ausgerottet. Andere nutzten veränderte Lebensbedingungen, besiedelten weite Areale und nahmen schnell zu. Einige Arten fanden in Siedlungen und Städten gute Nahrungs- und Rückzugsräume und bildeten dort permanente Populationen. Weitere Arten wurden durch den Menschen, bewusst oder unbewusst, in neue Lebensräume verfrachtet, verbreiteten sich manchmal schnell und setzten der heimischen Tier- und Pflanzenwelt zu. Heute steht die gesamte Biosphäre unter dem direkten oder indirekten Einfluss des Menschen, was uns vor grosse Herausforderungen stellt. Es braucht die steuernde Hand des Wildtiermanagers, das bewusste und verantwortungsvolle Tun und Unterlassen im Umgang mit Wildtieren.

Ja. Jagen wollen wir. Und wenn wir dies bewusst und verantwortungsvoll gegenüber dem Wildtier und der Gesellschaft tun, sind wir ein Teil von etwas Grösserem, dem Wildtiermanagement. Wir bleiben Jäger, und werden auch etwas Wildtiermanager, nicht?

Reinhard Schnidrig

 

Reinhard Schnidrig, Dr. phil. nat.
Leiter Sektion Wildtiere & Waldbiodiversität
Stv. Leiter Abteilung Arten, Ökosysteme, Landschaften

Eidgenössisches Departement für
Umwelt, Verkehr, Energie und
Kommunikation UVEK
Bundesamt für Umwelt BAFU
Worblentalstrasse 68, 3063 Ittigen
Postadresse: 3003 Bern
Telefon: +41 58 46 303 07
Email: reinhard.schnidrig@bafu.admin.ch
www.umwelt-schweiz.ch/jagd-fischerei

Klaus Robin, Roland F. Graf  & Reinhard Schnidrig. 2017.
Wildtiermanagement – Eine Einführung
335 Seiten, 175 Fotos, 30 Grafiken und Tabellen
€ (D) 59.00 / € (A) 60.70 / sFr. 59.00 (UVP)
Haupt Verlag AG
ISBN 978-3-258-07792-5

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