Moderne Technik auf der Jagd – Segen oder Fluch?

Zusammenfassung der Tage des Gesprächs 2016

Vorwort

Die Jagd steht vor neuen Entwicklungen mit Smartphones, mit GPS, mit Nachtziel- und Nachtsichtgeräten, mit Echtzeitübermittlung von Bildern von Wildkameras, mit Drohnen zum Aufspüren und zum Beobachten des Wildes; oder Weitschusswaffen mit vermeintlich guter Treffsicherheit auf über 500 Meter Distanz. Auf der anderen Seite die Bogenjagd: Ein jahrtausendealtes Stück Jagdkultur, in zahlreichen europäischen Ländern jedoch verboten.

Ist das alles noch weidgerecht? Wollen wir das? Die Frage ist nicht nur, ob wir Jäger mitmachen wollen oder nicht. Die Jägerschaft wird sich mit all diesen Themen aktiv auseinandersetzen und Position beziehen müssen!

In zahlreichen Kurzbeiträgen wurde daher das Thema «Einsatz von neuen modernen Techniken auf der heutigen Jagd» am 4.-5. März 2016 in Friedrichshafen angesprochen und diskutiert. Bruno Röthlisberger eröffnete die Veranstaltung mit dem Thema «Moderne Technik auf der Jagd  – Weitschusswaffen, Nachtzielgeräte, Drohnen, Compound-Bogen etc. – Segen oder Fluch?».

Moderne Hilfsmittel und Techniken wurden folgenden Fragestellungen unterworfen:

  • Was sind die Auswirkungen auf unser Verständnis vom weidgerechten Jagen?
  • Wie stellen wir uns dazu?
  • Wie werden die übrige Umwelt und das Umfeld darauf reagieren?
  • Wie gehen wir mit den Reaktionen der übrigen Umwelt und des Umfelds um?

Über die zum Teil brisanten Themen wurde zunächst mit Impulsvorträgen eingehend informiert. Die Meinungen über praktische und ethische Fragen zu den Themen wurden über Gruppenarbeiten ausgetauscht, um so einen gangbaren Weg in die Zukunft zu finden.

Wir freuen uns, Ihnen mit dem vorliegenden Beitrag einen kleinen Einblick in die spannenden Diskussionen bieten zu können und hieraus unsere Schlussfolgerungen zu ziehen.

Vortrag: Moderne Technik auf der Jagd

OB Jürgen Rosemund startete die Veranstaltung mit seinem engagierten Vortrag «Moderne Technik auf der Jagd». Er lieferte einen Einblick in aktuelle Entwicklungstrends der Waffentechnik wie Weitschussgewehre oder Drohnen mit und ohne Schussvorrichtung. Seit ca. 20 Jahren gibt es eine verstärkte Entwicklung von Weitschussgewehren im militärischen Bereich. Die effektive Reichweite dieser Waffen liegt bei 1500 bis 2000 Meter.

Ein Beispiel hierfür ist das Steyr HS50M1, Kaliber .50, Gewicht 11,9 kg mit einer Einsatzreichweite von 2000 Meter. Hauptsächlich kommen Kaliber wie 7mm Remington Magnum, .308 Winchester oder .338 Lapua Magnum zum Einsatz; diese Kaliber sind auch für jagdliche Zwecke geeignet.

Tatsächlich bietet auch die Firma Blaser Weitschuss- Seminare in Irland an: Schussentfernung 850 Meter, Wildsilhouetten in Originalgröße, Gewehr: Blaser R8 mit Zweibein, Lochschaft, Schalldämpfer, ZF Zeiss Victory 4,8-35 x 60.

 

Die Zieloptiken werden immer ausgefeilter. Das Tracking Point ZF der Firma Networked Tracking Scope vereint Zielfernrohr 6- bis 35- fach, Laser-Entfernungsmesser, Nachtzielgerät, Ballistikprogramm sowie Sensoren für Höhe, Temperatur und Wind. Für das erfasste Ziel wird die optimale Schussposition im ZF angezeigt. Man kann dann selbst den Abzug betätigen oder das Gerät bei Erreichen der optimalen Schussposition den Schuss selbst auslösen lassen. Noch einen Schritt weiter gehen die zielsuchenden Geschosse: Durch eine Funkverbindung von Zielfernrohr und Geschoss werden diese auch auf bewegliche Ziele gelenkt.

Ein weiteres Thema sind Drohnen bzw. Quadrocopter, die vereinzelt schon zum Kitzrettung oder zur Feststellung von Schadflächen aus der Luft eingesetzt werden. Solche Quadrocopter haben inzwischen erstaunliche Reichweiten von ca. 2 Kilometern, hierbei werden die Bilder in Echtzeit auf den Tablet- Computer übertragen. Sogar schiessfähige Drohnen sind auf dem Markt, die Ziel- und Schussgeräte aufnehmen können.

Vortrag: Jagd und Technik – Chance oder Selbstauflösung?

Unter diesem Titel stellte Bruno Hespeler, langjähriger Berufsjäger und bekannter Fachbuchautor, gleich zu Beginn seines leidenschaftlichen Plädoyers für die auf das Wesentliche reduzierte Jagdausübung die Frage: «Was zeichnet den Jäger aus?».

Viele Jäger wollen  oder können nicht mehr ohne die lieb gewonnenen technischen Hilfsmittel wie Smartphone, Geländewagen oder GPS, die Jagd ausüben. Nur auf den ersten Blick hat der Jäger durch moderne Technik alles unter Kontrolle. Denn der Einsatz von Wildkameras, von Wärmebildkameras oder Restlichtverstärkern kann eines nicht kompensieren: Die Zeit, die wir im Revier oder in der Natur verbringen, und unsere Fähigkeit, Veränderungen in der Natur zu lesen, mit allen Sinnen, ohne technische Hilfsmittel. Das Lesen von Fährten oder Losungen, die genaue Kenntnis der Natur im Jahreslauf und vor allem die Zeit dafür.  Die technische Aufrüstung lässt Bruno Hespeler einen «Kampf gegen Wildtiere» vermuten. Aber die moderne Technik kann nicht nur zur Verkümmerung der Sinne führen. Mehr und effizientere Technik führt auch zu mehr Jagddruck, zu kürzeren Äsungszeiten und zu höheren Fluchtdistanzen. Die Jagd verkommt zum Wildmanagement. Alles wird messbar und berechenbar.

Vortrag: Nachtsichttechnik

OB Jan-Oliver Podschadly erläuterte in einem Kurzreferat die Technik und die Anwendungsmöglichkeiten von Nachtsicht- und Nachtzielgeräten. Letztere können nur in einigen Schweizer Kantonen legal eingesetzt werden. Auch hierzu wurden Erfahrungen intensiv ausgetauscht und eine Zwischenbilanz gezogen. Nachtsichtgeräte verstärken vorhandenes Restlicht, im Wesentlichen im Nah- Infrarot- Bereich, durch eine hochfrequente Beschleunigung und Kaskadierung von Elektronen. Die Nachtsichtgeräte haben durch die Kriege der letzten Dekaden (Vietnam, Irak) eine rasante Weiterentwicklung erfahren, so dass inzwischen auch hoch qualitative Nachtsichtgeräte für jedermann erschwinglich sind.

Nachtsichtgeräte können im Wesentlichen für Kurzzeit- Beobachtung (genaues Ansprechen) bzw. für die störungsarme Distanz- Beobachtung von Schadflächen eingesetzt werden. Durch ZF- Adapter werden aus den legalen Geräten illegale Nachtzielgeräte; die feste Verbindung zwischen Nachtsichtgerät und Zielfernrohr ist in Deutschland verboten.

Vortrag: Bogenjagd

Christoph Steinborn bot mit seinem Vortrag «Bogenjagd im 21. Jahrhundert – überholte Nostalgie oder sinnvolle Ergänzung?» einen interessanten Einblick in die Entwicklung und Wanderungsbewegungen der Menschen, die mit der Entwicklung von Distanzwaffen einherging. Die ältesten Jagdwerkzeuge waren vermutlich Speere, die seit etwa 400´000 Jahren zum Einsatz kamen. Aus den Speeren wurden von ca. 16´000 Jahren Speerschleudern entwickelt, die eine Reichweite von bereits 30 Metern erreichten. Mit der nächsten Entwicklungsstufe, der vor etwa  14´000 Jahren entwickelten Bogenjagd, konnten Reichweiten von bis zu 50 Metern erzielt werden.

Moderne jagdtaugliche Bögen kommen nicht ohne moderne Technologie wie Flaschenzugtechnik, Schwingungsdämpfer, spezielle Auslösevorrichtungen oder Zielvorrichtungen aus. Die Tötungswirkung moderner Bögen ist auch für starkes Wild ausreichend, vorausgesetzt, der Pfeil trifft die Kammer. Ein rascher und sanfter Blutungstod sind die Folge.

Grundvoraussetzung für die Bogenjagd ist jedoch die Fähigkeit des Schützen, sich dem Wild unbemerkt auf Schussentfernung, also maximal 30 Meter, nähern zu können. Viel Erfahrung, ständige Übung und Selbstbeherrschung sind daher unabdingbare Voraussetzungen, um diese Jagdmethode waidgerecht ausüben zu können. Bei entsprechender Beherrschung dieser Fähigkeiten bietet die sehr anspruchsvolle Bogenjagd dem Schützen eine hohe jagdliche Befriedigung, vorausgesetzt, sie darf im jeweiligen Land legal ausgeübt werden. Die Bogenjagd ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz verboten.

Diskussion und Schlussfolgerungen
Der Technik sind scheinbar keine Grenzen gesetzt – daher ist der Jäger in der Pflicht, diese Grenzen zu reflektieren und daraus aktuelle Handlungsgrundsätze zu definieren. Daher wurden in drei verschiedenen Arbeitsgruppen parallel alle Aspekte der Grenzen und Auswirkungen eingehend diskutiert und von Jörg Richter zusammengefasst.

In den Diskussionen wurden folgende Tendenzen klar herausgearbeitet:
Die Technik hat einen starken Einfluss auf das persönliche  jagdliche Erlebnis – kann aber auch dazu führen, das eigene jagdliche Können und die Vielfältigkeit des jagdlichen Handwerks zu reduzieren.

Die Wahrnehmung einer technischen Aufrüstung innerhalb der Jägerschaft kann in der nicht jagenden Bevölkerung abschreckend wirken, kann aber auch von Betroffenen als zwingend notwendig sogar eingefordert werden (z.B. Nachtzielgeräte).

Die rechtlichen Rahmenbedingungen – vor allem auch die großen Unterschiede zwischen den Ländern des Silbernen Bruchs – sowie die Auswirkungen der modernen Technik auf das Verhalten des Wildes sind im Rahmen der Diskussionen nur am Rande betrachtet worden.

Zusammenfassung: Weitschuss

Der weite Schuss über 200 Meter ist eine Herausforderung für jeden Schützen. Das Wild darf jedoch niemals Gegenstand von Weitschussübungen werden. 100-200 Meter werden, je nach Situation, als normale und vernünftige Schussentfernung angesehen. Schussentfernungen über 200 Meter können je nach Wildart und Situation auch in der jagdlichen Praxis relevant sein, z.B. auf Rotwild. Generell besteht jedoch die Gefahr, dass das Wild keine Chance mehr hat und sein Verhalten adaptiert; Fluchtdistanzen werden erhöht. Weite Schüsse verleiten auch dazu, nicht weiter anzupirschen, obwohl es die Geländetopographie erlauben würde. Die Kunst des Anpirschens geht verloren.

Technisch gesehen definieren nur die Physik bzw. die Ballistik die Grenzen des weiten Schusses. Bei Wildtieren definieren jedoch andere Faktoren die Grenzen des weiten Schusses:

  1. Bei Schüssen über 600 Meter dauert es vom Auslösen des Schusses bis zum Auftreffen der Kugel oft eine Sekunde. In dieser Zeit kann das Wild sich bewegen, das Antragen eines präzisen Treffers wird damit unmöglich und ist nicht waidgerecht.
  2. Das genaue Ansprechen über 300 Meter ist fraglich.
  3. Der weite Schuss kann auch dazu führen, dass Nachsuchen unterbleiben, da der Schütze aus Bequemlichkeit meinen könnte, das Wild gefehlt zu haben.

Unter der Voraussetzung, dass unabhängig von der Entfernung eine Untersuchung des Anschusses erfolgt, ein geprüfter und erfahrener Hund immer zur Verfügung steht, alle Bedingungen (Auflage, Neigung, Waffe, Wind, Schießfertigkeit des Schützen) stimmen, definieren wir für den Weitschuss die Obergrenze von 200 – 250 Meter. Diese Distanzen sind nur für großes Schalenwild angebracht.

Zusammenfassung: Einsatz von Drohnen / Quadrocoptern bei der Jagd

Vereinzelt kann der Einsatz von Drohnen/ Quadrocoptern zu Beobachtungszwecken im Revier sinnvoll sein, beispielsweise zur Kitzrettung oder zur Schadensbeurteilung aus der Luft. Allerdings sind die Auswirkungen auf Wildtiere unbekannt; datenschutzrechtliche Aspekte müssen ebenfalls berücksichtigt werden. Ein Missbrauchs- Potenzial liegt im Einsatz dieser Fluggeräte durch Jagdgegner, um auf den Jagdbetrieb störend einzuwirken.

Schusswaffen an Drohnen/ Quadrocoptern sind illegale Randerscheinungen und wurden nicht weiter diskutiert.

Aus Gründen einer Risiko-/ Nutzenabwägung sind daher ferngesteuerte Fluggeräte zu jagdlichen Zwecken abzulehnen.

Zusammenfassung: Einsatz von Schalldämpfern

Der Einsatz von Schalldämpfern ist für Tier und Mensch aus Sicht des Gesundheitsschutzes zu befürworten. Das Mündungsfeuer reduziert sich, durch den reduzierten Schussknall werden Anrainer weniger gestört. Die Ballistik ändert sich, jagdliche Nachteile sind jedoch nicht zu erwarten. Schalldämpfer könnten in der Öffentlichkeit negativ wahrgenommen werden. Die gesetzlichen Regelungen sind jeweils zu beachten.

Aus Gründen des Gesundheitsschutzes kann der Einsatz von Schalldämpfern zu jagdlichen Zwecken zugelassen werden.

Zusammenfassung: Einsatz von Nachtsichttechnik

Die Jagd zur Nachtzeit unter Verwendung von Hilfsmitteln wie Nachtsichtgeräten oder Nachtzielgeräten wurde unter folgenden Gesichtspunkten diskutiert:

  1. Vergrämungseffekt vs. Beunruhigung: Der erhöhte Jagddruck auf Schadenflächen führt zu Ausweichen des Wildes, sämtliches Wild kann durch regelmässige nächtliche Jagd beunruhigt werden und tritt nicht aus
  2. Sicherheitsaspekte: Nachtsichtgeräte können für zusätzliche Sicherheit während nächtlicher Jagdaktivitäten sorgen, da auch nächtliche Jogger im Revier inzwischen keine Seltenheit mehr sind
  3. Effizienz vs. Missbrauch: Durch den Einsatz von Nachtzielgeräten, soweit der Einsatz legal ist, kann die Effizienz gesteigert werden. Jedoch ist ein möglicher Missbrauch durch die Erlegung auch solcher Wildarten, die nicht zur Nachtzeit erlegt werden dürfen, gegeben

Bestmögliche Zieloptiken ohne Restlichtverstärkung oder Wärmebild sollten zur Verfügung stehen; Restlichtverstärker oder Wärmebildgeräte sollten nur in Ausnahmefällen mit behördlicher Genehmigung zum Einsatz kommen, entweder zur Wildbestandsregulierung bei Schwarzwild oder zur Seuchenbekämpfung.

Der Einsatz von Nachtzielgeräten für den regulären jagdlichen Einsatz ist nicht notwendig und nicht zu unterstützen. Bei der Schwarzwildbejagung können Nachtsichtgeräte zu Beobachtungszwecken jedoch eine sinnvolle Ergänzung darstellen.

Zusammenfassung: Bogenjagd

Die Bogenjagd ist zwar eine jagdliche Randerscheinung, die für die reguläre Revierbewirtschaftung ungeeignet ist. Weiterhin müssen, falls nicht vorhanden, hierfür jeweils erst die gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden.

Unter der Voraussetzung, dass das Handwerk beherrscht wird, ist die Bogenjagd weidgerecht. Ständiges Üben und die genaue Einschätzung der eigenen Fähigkeiten ist unabdingbar. Der Einsatz des Bogens kann unter dieser Voraussetzung tierschutzgerecht sein. Der Gefahrenbereich ist gegenüber der Jagd mit der Büchse erheblich reduziert, was ihren Einsatz auch in Siedlungsgebieten erlaubt. Eine Zusatzausbildung wäre zwingend. Das Führen eines ausgebildeten Hundes zur Nachsuche wäre ebenfalls sinnvoll.

Die Bogenjagd stellt hohe Anforderungen an die individuellen jagdlichen Fähigkeiten und erhält eine alte Jagdkultur. Sie ist daher, soweit die gesetzlichen Grundlagen vorhanden sind, als ergänzende Jagdmethode möglich.

In der heutigen Jagd wären eine spezielle Ausbildung, eine Prüfung und ein jährlicher Trainingsnachweis Grundvoraussetzungen.

Schlusswort

Die treibende Kraft hinter den neuesten technischen Entwicklungen und Fortschritten ist in aller Regel eine Aufwandsreduktion für den Menschen. Neue Technologien hat es immer gegeben. Auch die Jagd und die Jäger haben sich daran beteiligt, diese für sich auch eingesetzt – sonst würden wir immer noch mit der Lanze jagen!

Ein «bis hier her und nicht weiter» im Sinne einer Verweigerung jeglichen technischen Fortschritts rund um die Jagd hat es nie gegeben und wird es auch heute nicht geben. Technische Weiterentwicklungen sind nicht für sich genommen schlecht, sondern können je nach Anwendung sinnvoll oder verwerflich sein. Das Vorhandensein eines Missbrauchs- Potentials technischer Weiterentwicklungen durch die Jägerschaft darf nicht zu pauschalen Beschränkungen führen.

Die Grenzen des Einsatzes moderner Technologie definiert der verantwortungsbewusste Jäger selbst. Jeder Jäger muss sich gesetzeskonform, vor allem aber weidgerecht, tierschutzgerecht und jagdethisch verhalten.

Jeder Jäger muss auch seinem Gewissen folgen.

Jan-Oliver Podschadly

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